Am Morgen füllten wir unsere Vorräte auf – und natürlich auch den Schokoladenschrank. Moderne Yachten besitzen oft ein Fach für Fertiggerichte. Die Hamburg VII hat stattdessen einen Schrank für Schokolade. Er lässt sich sogar abschließen, falls die Crew allzu großen Appetit entwickelt. Der Rumschrank hingegen kann nicht abgeschlossen werden – und merkwürdigerweise zeigt die Crew daran deutlich weniger Interesse. Das Schloss am Schokoladenschrank stammt noch aus der Zeit, als die Hamburg VII die Weltmeere bereiste. In manchen Ländern mussten Alkohol und andere Waren während des Aufenthalts in den Hoheitsgewässern unter Zollverschluss bleiben.
Von Rødbyhavn bis Rønne sind es mindestens 120 Seemeilen – bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fünf Knoten also mehr als 24 Stunden auf See. Die kürzeste Route führt durch oder unmittelbar entlang der am stärksten befahrenen Schifffahrtswege der Ostsee. Wegen der Windrichtung und auch aus navigatorischer Sicht war es sinnvoller, südlich der direkten Route zu segeln. So befanden wir uns in deutschen Hoheitsgewässern zwischen der Küste und der Verkehrstrennungszone – ein sicherer Ort, um den Lichtern der vorbeiziehenden Schiffe zuzusehen. Als die Sonne aufging, waren wir bereit, die stark befahrenen Seegebiete zu queren.
Viele Häfen auf Bornholm sind für tiefgehende Yachten zu flach. In Rønne blieb deshalb der große Stadthafen als beste Wahl. Praktisch war er ohne Zweifel, landschaftlich jedoch wohl der wenigste reizvolle Hafen der Insel. Beim nächsten Besuch auf Bornholm werden wir uns einen idyllischeren Platz suchen.
Wir verbrachten zwei Nächte in Rønne und liefen erst am Donnerstagnachmittag, dem 11. Juli, wieder aus. Am Mittwoch und auch noch am Donnerstagmorgen wehte ein kräftiger Wind. In derselben Nacht sank zwischen Öland und Gotland der Teilnehmer der Tall Ships Race Wyvern. Die Wellen wurden mit drei bis vier Metern Höhe angegeben – Bedingungen, die für eine Crew anstrengend, aber für eine Hochseeyacht wie die Hamburg VII durchaus beherrschbar sind. Dasselbe sollte eigentlich auch für die Colin-Archer-Yacht Wyvern gegolten haben. Später stellte sich heraus, dass mindestens ein Kielbolzen gebrochen war. Die Besatzung der Wyvern konnte das Schiff zwar verlassen, doch ein Crewmitglied der Wylde Swan, das zur Hilfe geeilt war, kam ums Leben. Der junge Mann verfing sich im Rigg der sinkenden Yacht. Eine schreckliche Tragödie.
Der Rumpf eines Holzbootes verändert sich mit den Jahren. In nördlichen Gewässern kann der Winter dabei sogar hilfreich sein. Da die Boote während der kalten Jahreszeit an Land stehen, lassen sich der Zustand des Rumpfes und insbesondere die Planken im Bereich des Kiels gut kontrollieren. Außerdem setzt die Sonne dem Holz oberhalb der Wasserlinie hier deutlich weniger zu als in südlichen Regionen. Werden Schwachstellen frühzeitig beseitigt, kann ein Holzschiff Generationen überdauern. Die Wyvern ist über hundert Jahre alt. Nachdem sie vom Grund der Ostsee gehoben worden war, wurde sie in Norwegen sorgfältig restauriert.
Aus jedem Unfall lässt sich etwas lernen. Uns würde besonders interessieren, ob die Wyvern bereits vor dem Unglück Wasser machte. Lange Kielbolzen korrodieren häufig von innen heraus, weil in ihrem Inneren kaum Sauerstoff vorhanden ist. Das gilt insbesondere für sogenannte rostfreie Stähle. Jeder Stahl korrodiert – Edelstahl lediglich langsamer und auf andere Weise. Als Laie würde man das kaum vermuten. Deshalb können undichte Kielbolzen ein Hinweis darauf sein, dass ihre Lebensdauer zu Ende geht. Die Kielbolzen der Hamburg VII wurden vor fünfzehn Jahren erneuert. Sorgen wir gut für diese Klassiker, dann sorgen sie auch in ruhiger See und im Sturm für uns.
Hamburg VII 2026