Dienstag, der 2. Juli. Wir verlassen die Niederlande, und ich erfinde das Rezept für unseren Nordsee-Eintopf. Auf dem Gasherd lassen sich Paprikaschoten direkt über der offenen Flamme rösten. Geschwärzte und anschließend geschälte Paprika sind ein Klassiker. Ein angenehm würziger Eintopf ist genau das Richtige für einen Abend an Bord entlang der Küste.
Segeln nährt die Fantasie und gibt ihr Raum. Der Blick über den Horizont und die auf das Wesentliche reduzierte Landschaft wirken wie Yoga für den Geist. Unsere inzwischen gut trainierten Köpfe beschäftigten sich in dieser Nacht mit einem Rätsel. Wir passierten eine Gasförderplattform, als ein Versorgungsschiff eintraf und mit großem Aufwand eine einzelne Kiste weit draußen auf See ablieferte. Was mochte in dieser Kiste sein? Warum war sie rot und nicht blau? Ersatzteile? Oder vielleicht doch eine Tonne gerösteter Paprika? Ein entspannter Geist findet erstaunlich viele mögliche Antworten.
Bei Sonnenuntergang schwamm eine Robbe heran, um mit uns über die Rätsel der Welt nachzudenken. Robben sind hier von Natur aus neugierig und begleiten Boote manchmal ein Stück. Da fast kein Wind wehte, mussten wir allerdings unter Motor fahren, und unser enger Zeitplan ließ leider kein längeres Gespräch zu. Schade eigentlich. Vielleicht hätte die Robbe das Geheimnis der roten Kiste gekannt.
Entlang der niederländischen Küste zu segeln ist wie eine Lehrbuchübung in Navigation. Die hohen Leuchttürme stehen genau im richtigen Abstand voneinander. Fast immer sind mindestens zwei gleichzeitig zu sehen – außer natürlich bei Nebel. Mit dem Peilkompass bestimmten wir ihre Richtungen und trugen unsere Position in die Seekarte ein. Heute, im Zeitalter des GPS, geschieht das eher aus Nostalgie. Der Kartenplotter zeigt schließlich ununterbrochen einen roten Punkt mit der Aufschrift »Sie sind hier«. Unsere per Kompass ermittelte Position wich nie um mehr als anderthalb Seemeilen von der Satellitenposition ab. Zehn Seemeilen vor der Küste ist das mehr als ausreichend.
Die Positionslichter eines anderen Segelbootes begleiteten uns durch die Nacht. Bei Sonnenaufgang erreichten wir gemeinsam deutsche Gewässer. Ein Boot des Grenzschutzes schien uns willkommen zu heißen. Ich hob meine Tasse Kaffee zu einem stillen Morgengruß. Ich bilde mir jedenfalls gern ein, dass wir das alle taten. Ich auf jeden Fall.
Hamburg VII 2026