Auf dem Weg in die Niederlande

Samstag, 29. Juni – Montag, 1. Juli

Samstagmorgen, der 29. Juni. Dieter dreht Hamburg VII zwischen den Stegen um 180 Grad und richtet den Bug auf den Solent. Sie dreht sich wie eine ehemalige Balletttänzerin – langsam, aber voller Eleganz. Fast auf der Stelle. Für eine Yacht mit Langkiel ist Hamburg VII erstaunlich wendig. Als ich Dieter frage, ob sie sich auch rückwärts steuern lässt, antwortet er: „Ja – aber sie entscheidet selbst, wohin sie fahren möchte.“ Manchmal tut die alte Dame genau das, was man von ihr erwartet. Und manchmal hat sie ihren eigenen Kopf und ihre eigenen Pläne.

No Mans Land Fort
Seltsam aussehendes Schiff
Die Grenzschutzboote verlassen uns
Die Nordsee

Kaum hatten wir den Solent verlassen, tauchte an unserer Seite ein britisches Grenzschutzboot auf. Es verringerte die Fahrt und beobachtete uns. Einer der Beamten trat an Deck und hielt ein großes Schild hoch: „VHF CH 17“. Sie wollten mit uns sprechen.

Über Funk fragte uns die Grenzpolizei zunächst, wie viele Personen wir an Bord hätten, woher wir kämen und wohin wir unterwegs seien. Unsere Antworten schienen ihnen jedoch nicht auszureichen. Kurz darauf kam ein schnelles Festrumpfschlauchboot längsseits, um uns zu kontrollieren. Es waren ausnahmslos freundliche Beamte. Warum wir ihr besonderes Interesse geweckt hatten, verrieten sie uns allerdings nicht. Wir verstanden lediglich, dass sie nach einem Boot mit dem Namen „Hamburg“ suchten. Zwei Stunden lang stellten sie detaillierte Fragen, kontrollierten unsere Reisepässe und unterhielten sich mit uns im Cockpit. Währenddessen sahen sich einige ihrer Kollegen Hamburg VII von innen an, fragten nach unseren Reisen der vergangenen zwanzig Jahre und wollten sogar einen Blick in den Frischwassertank werfen. Erst als aus der geöffneten Wartungsluke Wasser herausspritzte, waren sie zufrieden.

Ich fragte, ob ich ein Foto von ihnen machen dürfe. Sie hatten nichts dagegen – allerdings nur von hinten, als sie uns wieder verließen.

Die Kontrolle kostete uns viel Zeit, und bald wurde es Abend. Während der Nacht mussten wir die Augen offen halten und die vielen Lichter in der Dunkelheit beobachten. Besonders die Fischerboote änderten unvorhersehbar ihren Kurs – wie Hechte auf der Jagd nach einem Barsch.

Am frühen Morgen passierte Ylva Dover, während wir schliefen. Die Stadt unterhalb der berühmten weißen Kreidefelsen lag unter einer grauen Dieseldunstglocke. Aus dieser Entfernung vom Meer wirken die Klippen längst nicht so beeindruckend, wie man sie sich vorstellt.

Wir passierten unzählige Windkraftanlagen. Am östlichen Ende des Ärmelkanals stehen ungefähr so viele Windräder, wie Sonnenblumen auf einem Feld wachsen. Beeindruckende Bauwerke. Wir finden sie jedenfalls deutlich schöner als die Schornsteine von Kohlekraftwerken.

Am Abend zeigte uns die Nordsee wieder ihren Charakter. Der Wind kam von achtern und erreichte zeitweise etwa 15 m/s. Das GPS zeigte mit einem kleinen Stück ausgerollter Genua gelegentlich Geschwindigkeiten von bis zu zehn Knoten an. Hamburg VII nahm die kurzen, steilen Wellen erstaunlich gelassen. Für uns gab es genug zu tun und zu beobachten, deshalb entstanden nur wenige Fotos. Mit achterlichem Wind verlangt das Segeln unter solchen Bedingungen ständige Aufmerksamkeit. Zudem befanden wir uns in einem Gebiet mit Verkehrstrennungsgebieten auf beiden Seiten. Es ist klug, sich tagsüber von ihnen fernzuhalten – und nachts erst recht genügend Abstand zu wahren. Also hielten wir unbeirrt unseren Kurs.

Es wurde dunkel und kalt.

Marina und ich übernahmen unsere Wache um zwei Uhr morgens. Der Wind war noch immer kräftig, die Wellen kurz und steil. Steuerbord und Backbord waren überall die Lichter anderer Schiffe zu sehen. Weit voraus leuchtete ein besonders heller Lichtschein. Ich hatte kaum eine Minute am Ruder gestanden, als ich hinter dem Segel, deutlich über dem Horizont, ein schwaches rotes Licht bemerkte. Ein Schiff! Das Licht stand so hoch, dass das Schiff ganz in unserer Nähe sein musste. Sehr nahe. Die Entfernung zu einem einzelnen Lichtpunkt lässt sich auf See kaum einschätzen. Wenn man zu einem Licht deutlich nach oben schauen muss, ist es zu nah. Viel zu nah. Also: Ruder nach Steuerbord. Das Schiff musste unseren Kurs von rechts nach links kreuzen, denn ich sah sein rotes Backbordlicht. Im selben Augenblick zog eine Wolke vor dem Mond weiter. Das rote Licht verschwand und verwandelte sich in eine viel größere, helle Scheibe. Das vermeintliche Schiff war in Wirklichkeit der Mond gewesen, der hinter einer Wolke nur teilweise sichtbar war und dadurch rötlich erschien. Ganz so nah war das Licht also doch nicht – es befand sich in einer völlig sicheren Entfernung von rund 400 000 Kilometern.

Die Nordsee war voller Lichter. Das besonders helle Lichtermeer entpuppte sich schließlich als Bohrplattform. Aus der Ferne hatten wir sie zunächst für ein stillstehendes Kreuzfahrtschiff gehalten, denn Frachtschiffe zeigen normalerweise nur ihre Navigationslichter. Backbord von uns verlief ein Verkehrstrennungsgebiet. Dort begegneten wir unter anderem einem Containerschiff von weit über 300 Metern Länge auf dem Weg nach Rotterdam. Selbst aus einer Seemeile Entfernung wirkte es wie ein Meeresgigant mit mehr als zehntausend Containern auf dem Rücken. Eine Zeit lang hielten wir ein weit hinter dem roten Backbordlicht sichtbares Licht für das Hecklicht des Schiffes. Später stellte sich heraus, dass es lediglich eine geöffnete Tür war, in der – so vermuteten wir – gerade der Gehilfe des Schiffskochs heimlich eine Zigarette rauchte. Von dort bis zum Heck war es immer noch ein gutes Stück. Ein großes Containerschiff ist bei Nacht wie ein Schatten – nur ein wenig dunkler als die Nacht selbst. Es verdeckt Sterne und Horizont gleichermaßen. Diese schwarze Insel aus Stahl bewegt sich mit gut zwanzig Knoten durchs Wasser und vermittelt den Eindruck, dass nichts sie aufhalten könnte. Da geht man besser aus dem Weg.

Windparks


Hamburg VII 2026